Medienportables und Mobilität

Am Übergang zum 21. Jahrhundert fungieren tragbare elektronische Geräte wie MP3-Player oder Handy als stete Begleiter des Menschen, ohne die sich viele kaum mehr imstande sehen, ihren Alltag zu meistern. Die zügige Ausbreitung drahtloser, digitaler Techniken während des letzten Jahrzehnts hat manche Autoren sogar dazu bewogen, eine „mobile Revolution“ zu konstatieren; andere prognostizieren gar den Ausbruch eines neuen, nomadischen Zeitalters. Die „mobile Revolution“ hat jedoch ihre historischen Vorläufer und Wegbereiter. Durch ein tragbares Design verloren bereits zahlreiche elektronische Mediengeräte zuvor ihre einstige räumliche Verankerung im Haushalt und fanden als so genannte „Portables“ ihren mobilen Platz in Transport- und Kleidungstaschen oder gar direkt am Körper ihrer Besitzer.

Die Nutzung von solchen Portables wie Kofferradio, Kassettenrekorder, Walkman und Handy barg mithin bereits neue Formen des Technik- bzw. Mediengebrauchs, des sozialen Miteinanders und der Mobilität. Die Medienportables der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts  bereiteten der aktuellen „mobilen Revolution“ den Weg, und sie nahmen sie in Teilen sogar bereits vorweg:

Seit den 1950er Jahren wurden portable Musikgeräte zum unverzichtbaren Bestandteil des jugendlichen sowie auch des erwachsenen Alltags. Das Radioportable der 1950er und 1960er Jahre beförderte das stark umstrittene Nebenbeihören und weitete es auf außerhäusliche Räume, die Autofahrt sowie auf Orte in der freien Natur aus. Der Walkman der 1980er Jahre normalisierte nicht nur das Hören in Bewegung, sondern erstmals auch das mobile Tragen eines Kopfhörers, während die Verkabelung zwischen Ohr und Gerät zuvor auf zahlreiche Vorbehalte gestoßen war: Die einseitigen Ohrhörer der Zeit um 1960 gemahnten an eine Hörprothese, und der spätere Stereokopfhörer wurde kaum abseits der häuslichen Stereoanlage benutzt. Denn sein mobiler Einsatz erschien den Zeitgenossen nicht nur unzweckmäßig, sondern auch asozial, da der doppelseitige Kopfhörer im Öffentlichen die Ohren seines Nutzers gegenüber ko-präsenten Anderen technisch verschloss. xxxx (KOPFHÖRER) XXXX Als Technik der interpersonalen Kommunikation wurde schließlich das Handy um 2000 zum wirklich ubiquitären Begleiter des Menschen.

Durch die ortsunabhängige Verwendung von Portables entstanden nicht nur neue Praxen des jeweiligen Technikgebrauchs, sondern ebenso neue Formen des sozialen Miteinanders und neue Arten von Mobilität, die das räumliche und zeitliche Gefüge der Gesellschaft schleichend veränderten. Dennoch wurden Portables längst nicht „überall und jederzeit“ – wie es die dominante Floskel zur Gerätevermarktung suggerierte – verwendet. Des Weiteren wurden Portables keinesfalls auf das technisch machbare Kleinstmaß hin miniaturisiert. Vielmehr gingen die dominanten Gestaltungs- und Nutzungsweisen wie etwa die Frage, wie nah ein Gerät an den Körper seines Nutzers gelangte, aus vielschichtigen gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen hervor, an dem die Anbieter einer Technik ebenso Anteil hatten wie die Massenkonsumenten selbst. Insbesondere das Beispiel der SMS beim Mobilfunk zeigt die Mitwirkung der Konsumenten an der Technikentwicklung, denn es waren Jugendliche, die die SMS und damit das Handy zu einer emotionalen Kommunikationstechnik formten.

Schon das Radioportable wurde als „persönlicher“ Begleiter stilisiert, und seine Nutzer nahmen die Koffer- und Taschenradios an mehr und mehr Orte mit – und zwar an weit mehr Orte, als es die Produzenten vermutet hätten. Vor allem Jugendliche erwiesen sich dabei beim mobilen Musikhören ebenso wie beim späteren Mobilfunk als „Mobilitätspioniere“. Radioportable, Kassettenrekorder und Walkman forcierten die Individualisierung des Technikkonsums sowie die Medialisierung öffentlicher Räume. Der massenhafte Gebrauch von Musikportables führte – ähnlich wie die spätere Aneignung des Mobiltelefons – zu einer Neuaushandlung der räumlichen und zeitlichen Gefüge des Alltagshandelns: Man hörte „nebenbei“, „zwischendurch“ oder parallel zu anderen Aktivitäten, und das zuvor als häuslich konstruierte Radio- und Musikhören gelangte ebenso an öffentliche Orte wie an solche der Arbeit.

Gleichzeitig stellen die kontinuierlich wachsenden Mobilitätsansprüche der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stets auch einen Ausdruck von wachsender Immobilität und Unflexibilität dar. Denn die Nutzer nahmen ihre Portables wie ein Stück eigene Lebenswelt mit, um den gewohnten Techniknutzungen nun auch außerhalb des Hauses nachgehen zu können und sich in fremder oder lästiger (Reise-)Umgebung per Knopfdruck in bekannte Medien- und Lebenswelten einzuschalten. Dadurch waren es letztlich die Nutzer selbst, welche die Portables, die bei ihrer Produkteinführung zunächst als „Reisebegleiter“ ausgelegt waren, nach und nach zu „Alltagsbegleitern“ werden ließen.

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